DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER

Kinoforum im ARRI Kino – mit Einführung in den Film und anschließendem Gespräch – in Kooperation mit der Berufsschule für Fertigungstechnik /BS Deroystraße; (Montag, 23. November / 9 – 11.30 Uhr)

dsgfb_pla_01 - skaDeutschland 2015; 105 Minuten; FSK: ab 12, empfohlen ab 14; Spielfilm, Drama, Biopic; Regie: Lars Kraume; Drehbuch: Lars Kraume, Olivier Geuz; Kamera: Jens Harant; Schnitt: Barbara Gies; Szenenbild: Cora Pratz; Ausstattung: Jutta Freyer; Maske: Astrid Mariaschk, Kathrin Bornmüller; Kostüme: Esther Walz; Ton: Stefan Soltau; Musik: Julian Maas, Christoph M. Kaiser; Casting: Nessie Nesslauer, Nicole Schmied; mit: Burghart Klaußner, Ronald Zehrfeld, u.a.; Produktion: zero one film (Berlin); Produzent: Thomas Kufus; Publikumspreis beim Filmfest Locarno 2015; FBW Prädikat besonders wertvoll

 

Inhalt: Frankfurt am Main, 1957. In der jungen Bundesrepublik blüht das Wirtschaftswunder, das Land blickt nach vorn. Doch der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer will die Vergangenheit nicht ruhen lassen. Mit einem kleinen Stab von Mitarbeitern sucht er nach den Verantwortlichen des Holocaust und sammelt Beweise für die Gräueltaten in den Konzentrationslagern. Es ist eine mühevolle Arbeit, die von den Ermittlungsbehörden eher sabotiert als gefördert wird. Mit seiner Vermutung, das Bundeskriminalamt versuche insbesondere seine Jagd auf Adolf Eichmann gezielt zu behindern, liegt Bauer richtig. Ein Prozess gegen einen der Hauptverantwortlichen für die Massendeportation der Juden würde zahllose Täter und Mitläufer ans Licht bringen, darunter solche, die auch im Nachkriegsdeutschland wichtige politische Stellen besetzen. Als er Informationen über Eichmanns Aufenthalt in Argentinien erhält, sieht sich Bauer zu einer riskanten Strategie gezwungen.

Anknüpfungspunkte für die pädagogische Arbeit (Filmtipp VISION KINO)
Ausgehend von Bauers eingefügter Fernsehansprache im Kontext des Eichmann-Prozesses 1961, mit der er sich explizit an seinerzeit Heranwachsende wandte, eröffnet der Film Jugendlichen Chancen zum Nachdenken über historische Schuld und Verantwortung.
Thematisch bietet er vielfältige Möglichkeiten, sich mit Aspekten der von Bauer unnachgiebig geforderten Vergangenheitsbewältigung nach 1945 auseinanderzusetzen. Kraumes bereits im Titel anklingende Fokussierung auf die Figur als Held, ein Stück weit auch tragischer Held im Nachkriegsdeutschland, der auf den Widerstand mächtiger politischer und gesellschaftlicher Interessengruppen stößt, regt an zur Erarbeitung sowohl der Motive und Triebfedern von Bauers Handeln als auch der damit korrespondierenden gesellschaftspolitischen Strukturen der 1950/60er Jahre. Auf der filmdramaturgischen Ebene sollte das fürs Biopic-Genre charakteristische Spannungsverhältnis zwischen Authentizität und Fiktionalisierung anhand der Figur des erfundenen Staatsanwalts diskutiert und bewertet werden.

Einführung in den Film:

1. Politische Situation in der BRD – zu der Zeit, in der der Film spielt:

Bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft/ Wirtschaftswunder

Am 23. Mai 1949: Gründung der BRD, unser heutiges noch bestehendes Grundgesetz der BRD tritt in Kraft.

Der Film beginnt 1957, spielt in Frankfurt zu Zeiten des Wirtschaftswunders. Wir befinden uns 12 Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges und dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus.

1957: Konrad Adenauer ist zum drittenmal Bundeskanzler, CDU/CSU Alleinregierung (absolute Mehrheit), Wirtschaftsminister Ludwig Erhard (Vater der Sozialen Marktwirtschaft), Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß, späterer Ministerpräsident von Bayern.

Adenauers Außenpolitik: Westintegration. Adenauer bekannte sich in seiner ersten Regierungserklärung uneingeschränkt zum Westen, d.h. zur Tradition der westlichen Staaten: Demokratie, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit

Grundlagen der Westorientierung: Fortentwicklung der Europäischen Gemeinschaft, die deutsch-französischen Beziehungen; 1955 wird die BRD Mitglied der NATO, Gründung der Bundeswehr im selben Jahr.

Entnazifizierung durch die Alliierten ab 1945: Die Hauptschuldigen, wie Hermann Göring, Rudolf Heß, Martin Bormann, Joachim von Ribbentrop, Wilhelm Keitel u.a., wurden vom US-amerikanischen Gerichtshof wegen Verbrechen an der Menschlichkeit in den Nürnberger Prozessen von 1945-49 verurteilt.

Viele der mit dem Nationalsozialismus verstrickten Mitläufer konnten in der BRD unbehelligt Karriere machen, mit den sogenannten Persilscheinen. In den 50iger Jahren waren 2/3 der leitenden Mitarbeiter des BKA ehemalige Mitglieder der SS. Der BND, ehemals Gehlen, war bis in die 70iger Jahre ein Sammelbecken von ehemaligen SS-, Gestapo- und Wehrmachtsmitgliedern.

Hans Globke, Mitverfasser der Nürnberger Rassegesetze zu Zeiten des Nationalsozialismus, war Chef des Bundeskanzleramts unter Adenauer. Kurt-Georg Kiesinger, ehemaliges Partei-Mitglied im Dritten Reich, war später Bundeskanzler.

In der jungen BRD hatte noch keine Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus stattgefunden: die Gesellschaft war ein Geflecht des Verdrängens und des Wegschauens.

 

2. Zur Person Fritz Bauer

Als einer der herausragenden Juristen der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte wurde Fritz Bauer bekannt in den zwölf Jahren, in denen er als Generalstaatsanwalt des Landes Hessen tätig war, von 1956 bis bis zu seinem Tod 1968. In dieser Zeit kam es durch seine Initiative zu den Frankfurter Auschwitz-Prozessen (1963 bis 1965). Dabei ging es ihm persönlich vor allem darum, dass das Unrecht, das im Dritten Reich geschehen ist, offiziell vor Gericht verhandelt wird. Die NS-Verbrechen sollten juristisch aufgearbeitet werden, um das Rechteverständnis zu klären und die Achtung vor der Menschenwürde zu stärken, ähnlich wie bei den Nürnberger Prozessen. Die damaligen Strafverfahren haben sich mit dem Aufkommen des Kalten Kriegs aufgelöst. Er wollte die Aufarbeitung fortsetzen und damit beim Aufbau eines demokratischen Justizwesens in der Bundesrepublik, im neuen Deutschland, mitwirken.

Am 16. Juli 1903 ist Fritz Bauer in Stuttgart geboren. Seine schwäbische Familie war jüdischer Herkunft. Er wurde streng bürgerlich erzogen. Die Eltern appellierten an seine Eigenverantwortlichkeit: „Du musst immer selber wissen, was richtig ist.“ Durch die Schule war er, wie die meisten seiner Generation, von einer deutschnationalen Haltung geprägt. Seine erste Begegnung mit dem Antisemitismus hatte er in der ersten Klasse, als einer seiner Mitschüler ihm vorhielt, dass die Juden schuld seien am Tod von Jesus Christus. Einen wichtigen Leitsatz für sein Leben hat ihm die Mutter mit auf den Weg gegeben: „Was Du nicht willst, das man Dir tut, das füg auch keinem anderen zu.“

Mit elf Jahren erlebte er den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Er erinnerte sich später daran, dass sein Vater, entgegen aller Anzeichen, nicht an eine echte Kriegsgefahr geglaubt hat. Er war der Meinung, dass es im 20. Jahrhundert keinen Krieg geben kann, dass das für den fortschrittlichen Menschen ganz unmöglich ist. Der Vater hielt den Krieg für ausgeschlossen und fuhr trotz der angespannten Lage mit seiner Familie nach Belgien in die Ferien. Dort wurden sie vom Kriegsausbruch überrascht.

Fritz Bauer studierte Rechts- und Volkswirtschaftslehre in Heidelberg und in München, wo er den heraufkommenden Nationalsozialismus miterlebt hat. In den 1920er Jahren wurde er SPD-Mitglied und freundete sich mit Kurt Schumacher (später Gegenspieler von Konrad Adenauer) an, der damals die sozialdemokratische Zeitung in Stuttgart leitete.

1930 wurde Fritz Bauer Amtsrichter in Stuttgart. Im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 wurde er als politischer Gegner von der SA verhaftet und in das Konzentrationslager Heuberg in der Nähe von Stuttgart gebracht. Nach einigen Monaten wurde er entlassen, nachdem er widerwillig eine Erklärung unterschrieb, mit der er sich dem nationalsozial-istischen Staat unterwarf. Um sich vor weiteren politischen und rassistischen Verfolgungen zu schützen, ging er 1936 ins Exil nach Dänemark. Nach dem Überfall der Deutschen kam es auch hier zu Massenverhaftungen. In einer Rettungsaktion konnte Fritz Bauer nach Schweden fliehen. Dort schloss er sich den Exildemokraten an (unter ihnen auch der spätere Bundeskanzler Willy Brandt). Deren gemeinsames politisches Ziel ist der demokratische Neubeginn.

Nach Kriegsende kehrte Fritz Bauer 1945 ins befreite Dänemark zurück, 1949 schließlich nach Deutschland, um beim Wiederaufbau der Demokratie in der BRD zu helfen. Emigranten waren nicht sehr beliebt, sie wurden als Landesverräter bezeichnet. Eine Ausnahme machte der hessische Minister Zinn, der sein Land öffnen wollte. (Hessen ist das Stammland der Sozialdemokraten). 1956 holte er Fritz Bauer vom Oberlandesgericht in Braunschweig als Generalstaatsanwalt nach Frankfurt. Das war ein gewaltiger Karrieresprung, ihm unterstanden 200 Staatsanwälte im ganzen Land. In seiner Behörde gab es viele ehemalige Parteigänger Hitlers, die ihm entgegen arbeiten.

1957 erreichte ihn ein spektakulärer Hinweis auf den Aufenthaltsort Adolf Eichmanns in Argentinien. In seiner eigenen Behörde konnte er der Sache nicht weiter nachgehen und so nahm er Kontakt auf zum israelischen Geheimdienst Mossad. 1960 wurde Eichmann aufgegriffen und nach Israel gebracht, wo er 1961 in Jerusalem vor Gericht gestellt und zum Tod verurteilt wurde.

Die Aufklärung der NS-Verbrechen wurde mit den Frankfurter Auschwitzprozessen (Urteilsverkündung: 19.08.1965: Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit) fortgesetzt. Mit der Aufarbeitung der deutschen Vergangenheit, der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit den Ursachen sollte einer Wiederholung vorgebeugt werden. Es ging weniger darum, in die Vergangenheit zu schauen, sondern darum, in die Zukunft zu weisen. Der Welt sollte gezeigt werden, dass ein neues demokratisches Deutschland gewillt ist, die Würde eines jeden Menschen zu wahren. (Der Film IM LABYRINTH DES SCHWEIGENS (D 2014) geht näher auf die Auschwitzprozesse ein.)

1965 eröffnete Fritz Bauer die Voruntersuchung für einen weiteren Prozess, der sich gegen die Teilnehmer einer reichsweiten Justizkonferenz von 1941, die juristischen Erfüllungsgehilfen der „Euthanasie“-Morde, richten sollte. Bauer plante damit einen exemplarischen Prozess gegen die in die Verbrechen verstrickte NS-Justiz. In der Nacht vom 30. Juni auf den 1. Juli 1968 starb Fritz Bauer in seiner Wohnung in Frankfurt am Main. Der noch in der Vorbereitungsphase stehende große Prozess gegen die Schreibtischtäter der „Euthanasie“ fand nie statt.

Links:

Filminformationen: www.alamodefilm.de  www.filmportal.de
Filmwebseite (mit Filmtipp VISION KINO): www.derstaatgegenfritzbauer.de
Filminformationen und Unterrichtsmaterialien: www.kinofenster.de

Informationen über Fritz Bauer: www.fritz-bauer-institut.de

DVD: „Fritz Bauer: Gespräche, Interviews und Reden“
Aus den Fernseharchiven 1961‒1968
Herausgeber: Fritz Bauer Institut Redaktion: Bettina Schulte Strathaus
https://absolutmedien.de

Weitere Informationen über Fritz Bauer auf You Tube:

EICHMANN UND DAS DRITTE REICH (CH 1961, Regie: Erwin Leiser). – Fritz Bauer spricht zum Eichmann-Prozess. (Davon ist ein Ausschnitt am Anfang von DER STAAT GEGEN FRITZ BAUER zu sehen): www.youtube.com

Generalstaatsanwalt Dr. Fritz Bauer, interviewt von Renate Lasker-Harpprecht, 1967,
Westdeutscher Rundfunk: www.youtube.com

Der Staat gegen Fritz Bauer – BURGHART KLAUSSNER im Gespräch www.youtube.com

ZDF HISTORY: Mörder unter uns – Fritz Bauers einsamer Kampf (Doku)  www.youtube.com

 

 

Flyer: TFK.KF.DSGFB_23.11.15

programm_gefoerdertEintrittspreis: 5 Euro / 3 Euro für Schüler und Begleitpersonen
ARRI Kino, Türkenstr. 91, MVV: U3/U6 Universität, Bus 154
Reservierung: Tel.38899664 oder info@treffpunkt-filmkultur.de

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